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HIV 2010

Das Buch zu HIV und AIDS

www.hivbuch.de

20. HIV und Kinderwunsch

HIV und Gynäkologie  vorheriges Kapitel    nächstes Kapitel Schwangerschaft und HIV


Einleitung

Der Wunsch nach einem eigenen Kind ist für viele HIV-positive Menschen zu einem selbstverständlichen Teil der Lebensplanung geworden. Weltweit ist hierfür ein wachsendes Bewusstsein festzustellen. Eine Realisierung ohne Risiko der HIV-Übertragung auf Partner oder Kind ist seit vielen Jahren möglich, und zumindest in industrialisierten Ländern stehen Paaren mit Kinderwunsch heute verschiedene Optionen zur Verfügung. Diese reichen vom Geschlechtsverkehr ohne Kondom bis zur assistierten Reproduktion. Priorität sollte die Verhinderung der Infektion des nicht infizierten Partners und des Kindes haben.

Eine große Bedeutung für die Beratung hatten die im Januar 2008 veröffentlichten Empfehlungen der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (Vernazza 2008). Das „EKAF-Statement“, das seitdem weltweit kontrovers diskutiert wird (Vandermaelen 2010), hielt fest, dass HIV-infizierte Personen unter folgenden Voraussetzungen das HI-Virus im sexuellen Kontakt nicht weitergeben:
  • die ART wird durch den HIV-infizierten Menschen eingehalten und durch den behandelnden Arzt kontrolliert
  • Die Viruslast liegt seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze (d.h., die Virämie ist supprimiert)
  • es bestehen keine Infektionen mit anderen sexuell übertragbaren Erregern
Die EKAF schließt ein Restrisiko für eine Transmission nicht aus, hält dieses aber für vernachlässigbar klein. Grundlage für diese Einschätzung waren u.a. wenige Längsschnittstudien an heterosexuellen serodiskordanten Paaren. In diesen ereigneten sich keine Infektion, wenn die Partner unter ART waren bzw. die Viruslast bei unbehandelten Personen unterhalb 1000 Kopien/ml lag (siehe ART-Kapitel Prävention). So kam es bei 62 HIV-diskordanten Paaren (22 Frauen und 40 Männer mit HIV, aber ohne nachweisbare Viruslast unter ART), zwischen 1998 und 2005 durch natürliche Konzeption zwar zu insgesamt 76 Schwangerschaften - aber zu keiner einzigen HIV-Infektion des nicht infizierten Partners (Barreiro 2006+2007).

Kritiker weisen auf die limitierte Datenlage zur Höhe des Transmissionsrisikos bei Geschlechtsverkehr ohne Kondom hin. Studien zur Assoziation zwischen der Viruslast im Sperma und im Blut zeigen einen hohen Zusammenhang. Die Datenlage ist allerdings bisher ebenfalls begrenzt (Kalichman 2008), ebenso wie die zum Geschlechtsverkehr ohne Kondom bei Kinderwunsch-Paaren.

In Deutschland stimmen dennoch inzwischen viele HIV-SpezialistInnen und VertreterInnen von PatientInnenorganisationen überein, dass eine HIV-Infektion beim ungeschützten Geschlechtsverkehr unter den von der EKAF genannten Bedingungen unwahrscheinlich ist. Mit Blick auf die Kinderwunschbehandlung hält das EKAF-Statement fest, dass die Insemination mit aufbereitetem Sperma – im Fall der HIV-Infektion des Mannes – bei vollständig supprimierter Viruslast nicht mehr indiziert sei, wenn sie nur erfolge, um eine HIV-Transmission zu verhindern.

Dieser Ansatz wird nach unserer Erfahrung in der Beratung HIV-serodiskordanter Paare mit Kinderwunsch fast immer thematisiert – häufig auf Initiative der Paare. Die Hintergründe der Empfehlungen und Entscheidungsspielräume sollten ausführlich besprochen werden. Es gibt deutliche Unterschiede in der individuellen Risikoeinschätzung und im Sicherheitsbedürfnis sowohl innerhalb der Partnerschaft als auch zwischen verschiedenen Paaren (van Leeuwen 2008). Ohnehin finden in der Regel viele Paare den Weg in die Beratung, die selbst das geringste Infektionsrisiko ausschließen wollen.

Berücksichtigt werden muss auch, dass nicht bei allen Partnern die Viruslast optimal supprimiert ist, bei einer geringen Viruslast und einem funktionsfähigen Immunsystem noch keine Behandlungsindikation besteht oder trotz Indikation noch nicht mit einer ART begonnen wurde. In diesen Fällen ist die Insemination mit aufbereitetem Sperma – bei vorhandener Fertilität – nach wie vor die Methode der Wahl. Inzwischen wird auch der Beginn einer ART bei Männern mit niedriger Viruslast diskutiert, um den Weg zu einer „natürlichen Konzeption“ zu eröffnen.

Die aktualisierten Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung HIV-betroffener Paare mit Kinderwunsch (Tandler-Schneider 2008) empfehlen zur Behandlung HIV-diskordanter Paare folgende Wege:
  • Assistierte Reproduktion oder Selbstinsemination, falls die Partnerin HIV-infiziert ist, abhängig vom Fertilitätsstatus.
  • Assistierte Reproduktion mit aufbereitetem Sperma, falls der Partner HIV-infiziert ist. Die Möglichkeit der Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) in Verbindung mit dem Geschlechtsverkehr ohne Kondom bei Kinderwunsch wurde aufgenommen. Eine eindeutige Empfehlung kann aufgrund der noch limitierten Datenlage nicht gegeben werden (Okwundo 2009).
Nach wie vor besteht in Deutschland eine geringere Bereitschaft reproduktionsmedizinischer Einrichtungen zur Behandlung bei HIV-Infektion des Mannes als bei der der Frau. Die meisten Paare suchen wegen ihres Kinderwunsches zunächst das HIV-spezifische Beratungs- und Behandlungssystem auf. Im Folgenden werden Vorschläge für das mögliche Vorgehen aufgezeigt.

Erstberatung

Die erste Beratung – möglichst mit beiden Partnern – sollte neben der ausführlichen Information zu Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten auch die psychosoziale und materielle Situation sowie die aktuelle Problemlage berücksichtigen. Die Unterstützung durch Ursprungsfamilie und Freundeskreis sowie die Lebensplanung und Zukunftsperspektive als Familie können ebenfalls eine Rolle spielen. Eine Kooperation mit Einrichtungen des AIDS-Beratungssystems, Organisationen in der Migrationsarbeit oder Selbsthilfegruppen ist häufig von Vorteil. In mehreren europäischen Projekten zur assistierten Reproduktion bei HIV-Infektion sind PsychologInnen fester Bestandteil der multidisziplinären Teams (Ohl 2005). Belastungen, die im Zusammenhang mit Diagnostik und Behandlung auftreten können, sollten ebenso ernst genommen werden wie Ängste und Befürchtungen der Paare. Dazu kann auch die Angst vor der Infektion des Partners oder der Partnerin gehören (van Leeuwen 2008). Als sehr belastend empfinden Paare das Anzweifeln ihrer Motive oder der Berechtigung ihres Kinderwunsches (Sonnenberg-Schwan 2005).

Ist die Frau HIV-infiziert, sollte auch die Prophylaxe der vertikalen Transmission, die ART während der Schwangerschaft und mögliche Umstellungen einer ART eingehend besprochen werden. HIV-positive Frauen schätzen das Transmissionsri-siko häufig als zu hoch ein, was sich auch auf den Kinderwunsch auswirkt. In einer französischen Untersuchung hatten nur 26 % der Frauen, die das Infektionsrisiko für ihr Kind als „sehr hoch“ einschätzten, einen Kinderwunsch im Vergleich zu 43 % der Frauen, die das Risiko für „sehr gering“ hielten (Heard 2007).

Kinderwunsch bei HIV-Infektion des Mannes

Die Aufbereitung des Spermas HIV-infizierter Männer wurde 1987 zum ersten Mal publiziert (Semprini 1987). 1989 wurden in Italien und 1991 in Deutschland die ersten Inseminationen HIV-negativer Frauen mit dem aufbereiteten Sperma ihrer HIV-infizierten Partner vorgenommen. Seither wurden in zahlreichen Ländern Zentren gegründet, um betroffenen Paaren - neben der reproduktionsmedizinischen Behandlung in IVF-Zentren - psychosoziale und medizinische Beratung und Unterstützung anzubieten. Daten zur Sicherheit reproduktionsmedizinischer Behandlungen mit aufbereitetem Sperma werden immer umfangreicher: In Italien wurden von 1989 bis 2005 unterschiedliche Methoden bei 732 HIV-negativen Frauen in über 2.500 Zyklen eingesetzt. In CREAThE, einem europäischer Zusammenschluss reproduktionsmedizinischer Zentren wurde bei 3.390 Zyklen keine einzige mütterliche Infektion beobachtet (Bujan 2007). Auch amerikanische Studien weisen auf Sicherheit und Effektivität der Methoden hin (Sauer 2005).

Optimierung und Standardisierung der Spermaaufbereitung sowie die Testung gewährleisten heute ein Höchstmaß an Sicherheit. Paare, bei denen nur der Mann HIV-infiziert ist, werden in Deutschland in mehreren reproduktionsmedizinischen Einrichtungen behandelt. Zur Etablierung der Methode trugen auch die 2001 erstmals veröffentlichten (Weigel 2001) und 2007 vollständig überarbeiteten Deutsch-Österreichischen Empfehlungen zur assistierten Reproduktion bei HIV-diskordanten Paaren bei (Tandler-Schneider 2008). Die Empfehlungen werden derzeit aktualisiert.

Grundlagen der Aufbereitung des Spermas

Das Nativ-Ejakulat besteht hauptsächlich aus drei Fraktionen: Spermatozoen, Seminalplasma und nukleären Begleitzellen. HIV-Progenom und Virus wurden bisher im Seminalplasma und den nukleären Begleitzellen (Vorläuferzellen der Spermatogenese und weiße Blutzellen) nachgewiesen, in Einzelfällen auch in immobilen Spermien. Viele Studien weisen darauf hin, dass vitale, motile Spermazellen nicht als Virusträger in Betracht kommen (Weigel 1999, Pena 2003, Gilling-Smith 2003).

Motile Spermien können durch standardisierte Aufbereitungstechniken isoliert werden: Zunächst werden die Spermien durch Dichtegradientenzentrifugation vom Seminalplasma und der Begleitzellfraktion getrennt. Nach zwei Waschschritten, bei denen das Pellet jeweils in frischem Kulturmedium resuspendiert und erneut zentrifugiert wird, wird es abschließend mit Kulturmedium überschichtet und die Probe für 30 bis 60 Minuten bei 37°C inkubiert. In dieser Zeit reichern sich die motilen Spermien in der oberen Grenzschicht an („swim-up“). Um eine Kontamination mit viralen Partikeln mit größtmöglicher Sicherheit auszuschließen, wird ein Teil der aufbereiteten Probe mittels ultrasensitiver Verfahren (PCR, NASBA) untersucht (Gilling-Smith 2003, Weigel 2005, Tandler-Schneider 2008). Die Nachweisgrenze der sensitivsten Methode liegt derzeit bei 10 Kopien/ml. Bis zum Vorliegen des Testergebnisses ist in der Regel eine Kryokonservierung der aufbereiteten Spermienprobe notwendig. Diese kann allerdings die Motilität der Spermien beeinträchtigen und damit zu einer geringeren Schwangerschaftsrate führen. Einige Arbeitsgruppen bereiten die Spermien daher zum Zeitpunkt des LH-Peaks auf und testen innerhalb von 24 Stunden mittels PCR. Die Spermien werden bei +4°C gelagert, die Insemination erfolgt nach negativer Testung. Savasi et al. (2007) konnten so eine Schwangerschaftsrate von 19 % pro Inseminationszyklus erreichen, bei IVF/ICSI lag die Rate bei 22 %.

Die Spermaaufbereitung ist somit eine sehr effektive Methode der Risikominderung mit einem nur noch theoretischen Restrisiko.

Reproduktionsmedizinische Behandlung

Entscheidet sich ein Paar für eine reproduktionsmedizinische Behandlung, erfolgt in interdisziplinärer Kooperation eine umfassende Diagnostik (siehe Tabelle 1, nach Tandler-Schneider 2010), am besten ortsnah. Inzwischen bieten mehrere Zentren in Deutschland reproduktionsmedizinische Unterstützung bei HIV-Diskordanz an (Kupka 2007).

Tabelle 1: Basisdiagnostik der Partner bei HIV-Diskordanz
Anamnese, medizinische und psychosoziale Vorgeschichte
Gynäkologische Diagnostik Palpation, Sonografie, Tubenfaktorprüfung (Hysterokontrastsonographie, ggf. Laparoskopie)
endokrinologische Diagnostik (E2, LH, P, DHEAS, FSH, Testosteron, SHBG)
Zervixabstrich (PAP, Chlamydien-PCR)
Serologie (Röteln, Varizellen, TPHA, CMV, HBV, HCV)
HIV-spezifische/allgemein-medizinische Diagnostik Ultrasensitive HIV-PCR, ggf. Resistenztestung; Lymphozytendifferenzierung, CD4/CD8-Zellen
Blutbild, GOT, GPT, γ-GT, Glukose, Kreatinin
HIV-AK-Test des seronegativen Partners/der Partnerin;
HIV-PCR vor und nach Aufbereitung der Spermien zur IUI/ICSI, ggf. Kryokonservierung von HIV-freien Spermien
Andrologische Diagnostik 2 Spermiogramme
Bei pathologischem Befund evtl.
  • Ejakulatkultur
  • Sonographie, ggf. endokrinologische Diagnostik
Serologie (HBV, HCV, TPHA), Abstrich auf GO, Chlamydien-PCR im Urin


Anschließend oder parallel dazu nimmt das Paar mit der in Frage kommenden reproduktionsmedizinischen Einrichtung Kontakt auf, wo die weiteren Schritte von der Aufbereitung und Testung des Spermas bis zur Kinderwunschbehandlung durchgeführt werden (Tandler-Schneider 2008).

Bei HIV-diskordanten Paaren werden die aufbereiteten getesteten Spermien in drei verschiedenen Verfahren eingesetzt: Von der intrauterinen Insemination (IUI), bei der die aufbereiteten Spermien wenige Stunden vor dem Eisprung mit einem dünnen Katheter in Gebärmutter und Eileiter eingebracht werden, über die in-vitro-Fertilisation (IVF) bis zum aufwendigsten Verfahren, der intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI). IVF und ICSI sind Verfahren der extrakorporalen Befruchtung, die Eizelle wird also außerhalb des Mutterleibes befruchtet.

Um Kosten und Zeitaufwand zu minimieren, sollten alle notwendigen Untersuchungen und Behandlungen (Zyklusmonitoring, Hormonsubstitution) in Kooperation vor Ort durchgeführt werden.

Das Behandlungsverfahren richtet sich nach den gynäkologischen und andrologischen Befunden sowie den Wünschen des Paares. Mehrere Studien weisen auf eine eingeschränkte Spermaqualität HIV-infizierter Männer hin. Eine Verschlechterung der Spermaqualität unter ART wurde beobachtet (Dulioust 2002, Nicopoullos 2004, Bujan 2007), allerdings ist die Datenlage nicht konsistent (Vernazza 2008). ICSI ist häufig die Methode der Wahl.

Über folgende wichtige Aspekte sollten die Paare aufgeklärt werden:
  • Auch mit den aufwendigsten Verfahren ist eine Virusübertragung auf die gesunde Partnerin nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen. Das Risiko ist allerdings hypothetisch und nicht mehr bezifferbar.
  • Aufwand und Belastung, aber auch die Kosten unterscheiden sich je nach Verfahren deutlich: Eine einzelne Behandlung kann zwischen 400 und 4.000 Euro kosten. Krankenkassen sind nicht zur Übernahme der Kosten verpflichtet, wenn einer der beiden Partner HIV-positiv ist. Kostenerstattungen sind daher extrem selten. Ohnehin werden bei Paaren mit Fertilitätsstörungen nur 50 % der Kosten einer künstlichen Befruchtung für maximal drei Behandlungen erstattet. Eine Unterstützung bei den Verhandlungen mit der Krankenkasse seitens des reproduktionsmedizinischen Zentrums ist ratsam.
  • Allerdings können auch die aufwendigsten Techniken einen Behandlungserfolg selbst nach mehreren Behandlungen nicht garantieren.
  • Eher selten entscheiden sich Paare für eine donogene Insemination (Befruchtung mit Spender-Samen), wenn gravierende Fertilitätsstörungen beim HIV-positiven Partner die assistierte Reproduktion ausschließen.
  • Paare, bei denen ein Partner HIV-infiziert ist, haben in Deutschland - wie auch andere Menschen mit schweren chronischen Erkrankungen - so gut wie keine Chance auf eine Adoption.

Die Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP)

Ein neuer Behandlungsansatz ist die PrEP bei negativen Partnerinnen HIV-positiver Männer. Eine erste Studie wurde in 2004 in der Schweiz initiiert (Vernazza 2005+2006). Nur während der fruchtbaren Tage führen die Paare Geschlechtsverkehr ohne Kondom durch. Bei positivem LH-Test nimmt die Frau eine Tablette Tenofovir ein, 24 Stunden später eine zweite. Zwölf Stunden danach sollte dann der Geschlechtsverkehr stattfinden. Voraussetzung ist eine dauerhaft supprimierte Viruslast sowie der Ausschluss von sexuell übertragbaren Erkrankungen. Die Akzeptanz des Verfahrens bei den Paaren ist hoch. Von 2004 bis 2007 wurden 15 von 21 Frauen unter einer PrEP schwanger, elf von ihnen schon nach drei Zyklen. Eine HIV-Infektion fand in keinem Fall statt (Vernazza 2007). Die positiven Erfahrungen aus der Schweiz bildeten die Grundlage für ein deutsches Pilotprojekt, das 2007 in München gegründet wurde. Die Fallzahlen sind allerdings noch äußerst gering. Die Forschungsergebnisse zur PrEP sind daher noch als vorläufig zu bezeichnen.

Kinderwunsch bei HIV-Infektion der Frau

Auch für viele HIV-positive Frauen ist der Wunsch nach einem Kind zu einem selbstverständlichen Teil ihrer Lebensplanung geworden (Fiore 2008, Loutfy 2009). Heard (2007) stellte fest, dass sich 32 % der HIV-positiven Frauen im reproduktiven Alter in Frankreich ein Kind wünschen.

Liegen bei einer HIV-positiven Frau keine Fertilitätshindernisse vor, wird heute in der Beratung der Geschlechtsverkehr ohne Kondom als Option diskutiert, wenn die im EKAF-Statement genannten Voraussetzungen gegeben sind. Für Paare mit einem sehr hohen Sicherheitsbedürfnis ist die Selbstinsemination eine Alternative.

Auch hier wird eine infektiologische Diagnostik empfohlen. Ob zuvor eine Fertilitätsdiagnostik durchgeführt wird, liegt im Ermessen des Paares. Der erste Schritt ist die Bestimmung des Ovulationszeitpunkts (z. B. mittels kontrazeptiver Computersysteme oder Zyklotest-Stäbchen). Bei regelmäßigem Zyklus empfiehlt sich die Führung einer Basaltemperaturkurve (ab etwa drei Monate vor Beginn der Selbstinsemination). Im Einzelfall muss die Ovulation medikamentös unterstützt werden.

Eine Selbstinsemination sollte nicht öfter als zweimal pro Zyklus versucht werden, da bei häufigeren Versuchen der Gehalt des Ejakulats an reifen motilen Spermien geringer wird. Außerdem kann das Paar durch Planungsaufwand und Termindruck einer verstärkten psychischen Belastung ausgesetzt sein.

Zur Insemination selbst wird das Ejakulat entweder mit einem invertiert eingeführten spermizidfreien Kondom – nach geschütztem Geschlechtsverkehr – oder z. B. mittels Portiokappe, Vaginalapplikator oder Spritze in die Vagina eingebracht.

Fertilitätsstörungen

Fertilitätsstörungen treten bei HIV-infizierten Frauen häufiger auf als bei nicht infizierten Frauen, z.B. infolge von Infektionen des oberen Genitaltraktes (Sobel 2000) oder nach Eingriffen wegen cervikaler intraepithelialer Neoplasien (Gilles 2005). In diesen Fällen kommen - je nach Art der Einschränkung - ebenfalls Methoden der assistierten Reproduktion in Betracht. Mehrere Studien weisen auf eine erhöhte Rate von Fertilitätsstörungen (Ohl 2005) und eine geringere Erfolgsrate im Vergleich zum HIV-negativen Kontrollkollektiv hin (Coll 2006) hin. Als Ursache kommt eine Depletion der mitochondrialen DNA in den Eizellen in Frage (Garrabou 2006, Lopez 2008). Gesicherte Daten zu Zusammenhängen zwischen ART und Fertilitätsstörungen bei Frauen gibt es bisher nicht (van Leeuwen 2006).

Ziel der reproduktionsmedizinischen Maßnahme sollte die Verhinderung höhergradiger Mehrlingschwangerschaften sein. Das deutsche Embryonenschutzgesetz begrenzt allerdings Anzahl und Reifezustand der Embryonen, die transferiert werden können. Damit kann die Erfolgsrate bei IVF und ICSI reduziert sein. Einige Paare wählen den Weg Zentren in Nachbarländern wie Straßburg oder Brüssel. In jedem Fall empfiehlt sich eine vorherige Kontaktaufnahme, da sich die Zugangsvoraussetzungen sehr unterscheiden.

Kinderwunsch bei HIV-Infektion beider Partner

Sind beide Partner HIV-infiziert, kann der Geschlechtsverkehr ohne Kondom eine Option zur Verwirklichung des Kinderwunsches sein. Eine mögliche Superinfektion (ggf. mit Resistenzen) sollte thematisiert werden. Sie ist nach derzeitigem Kenntnisstand jedoch eher selten, vor allem, wenn beide Partner erfolgreich antiretroviral behandelt werden. Ist bei einem Partner die Fertilität eingeschränkt, wird eine reproduktionsmedizinische Behandlung in Deutschland aus ethischen und juristischen Gründen derzeit noch kontrovers diskutiert. Die neuen Deutsch-Österreichischen Empfehlungen sehen einen grundsätzlichen Ausschluss dieser Paare von der reproduktionsmedizinischen Behandlung als nicht gerechtfertigt an und legen eine individuelle Beratung und Entscheidung nahe (Tandler-Schneider 2008). Bisher sind aber nur wenige reproduktionsmedizinische Einrichtungen in Deutschland zur Behandlung HIV-konkordanter Paare bereit.

Psychosoziale Aspekte

Erfahrungen zeigen, dass ein vorausgehendes und begleitendes psychosoziales Beratungsangebot wichtig ist, in das beide Partner einzubeziehen sind. Nicht alle Paare entscheiden sich nach der Beratung für die Verwirklichung des Kinderwunsches.

Besprochen werden sollten Lebensplanung und Zukunftsperspektiven als Paar und als Familie, die Bedeutung des Kinderwunsches für beide Partner, die soziale und materielle Situation sowie die Unterstützung durch das soziale Bezugssystem. Dabei sollte sowohl den Erwartungen und Hoffnungen als auch den Ängsten und Befürchtungen der Partner Raum gegeben werden. Auch der bisherige Umgang mit Safer Sex und Kontrazeption kann eine Rolle spielen. Sehr häufig übersehen wird die zentrale Bedeutung der Elternschaft für MigrantInnen. Sprach- und Verständnisprobleme auf beiden Seiten, die Nichtwahrnehmung kultureller Hintergründe und fehlende Akzeptanz von „fremden“ Lebensstilen und –perspektiven können zu Gefühlen von Diskriminierung, Isolation, Hilflosigkeit und Verzweiflung führen.

Zusammenfassung und Ausblick

HIV-betroffenen Paaren stehen heute verschiedene Wege zur Verwirklichung des Kinderwunsches zur Verfügung. Mit dem EKAF-Statement ist der Geschlechtsverkehr ohne Kondom bei dauerhaft supprimierter Viruslast des betroffenen Partners zu einer immer häufiger diskutierten Option geworden. Unserer Erfahrung nach wählen viele Paare diesen Weg, ohne eine spezialisierte Beratungseinrichtung aufzusuchen. Beratung und reproduktionsmedizinische Unterstützung werden eher angefragt, wenn mehrere Versuche, schwanger zu werden, erfolglos verlaufen sind Fertilitätsprobleme bereits bekannt oder die Befürchtungen hinsichtlich eines Infektionsrisiko für den nicht betroffenen Partner/die Partnerin groß sind.

Die Prä-Expositionsprophylaxe, für die allerdings bisher keine solide Datengrundlage besteht, könnte für fertile Paare eine weitere Option sein (Vernazza 2007).

Die Beratung und Behandlung HIV-betroffener Paare mit Kinderwunsch findet in Deutschland stark dezentralisiert statt. Vorteilhaft wäre die Einrichtung eines bundesweiten Registers, in dem Daten zu den verschiedenen Vorgehensweisen und Behandlungen gesammelt werden können.

Die Erfahrungen der letzten Jahre belegen die Sicherheit der assistierten Reproduktion mit aufbereitetem Sperma HIV-infizierter Männer. Immer mehr reproduktionsmedizinische Zentren bieten inzwischen eine Behandlung an. HIV-infizierte Frauen und besonders serokonkordante Paare haben allerdings in Deutschland nach wie vor seltener Zugang zu Fertilitätsdiagnostik, Beratung und Behandlung. Die Gleichbehandlung von Menschen mit HIV, unabhängig vom Geschlecht, mit von anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen betroffenen Paaren wird auch international immer häufiger eingefordert.

Problematisch ist der Ausschluss von Menschen mit HIV/AIDS aus der Kostenerstattungspflicht der Krankenkassen für eine reproduktionsmedizinische Behandlung. Nur die wenigsten Paare mit Kinderwunsch sind in der Lage, die meist erheblichen Kosten für einen oder mehrere Behandlungszyklen zu tragen. Viele Paare können allein aus diesem Grund ihren Kinderwunsch nicht verwirklichen. Mit einer Änderung dieser Richtlinie durch den Gemeinsamen Bundesausschuss ist allerdings noch in diesem Jahr zu rechnen.

Adressen

Die reproduktionsmedizinische Behandlung bei HIV-positivem Partner ist in Deutschland in mehreren Zentren möglich. Weitere Informationen, auch zur Behandlung HIV-positiver Frauen, bei:
  • Ulrike Sonnenberg-Schwan, Tel.: 089/43766972, email: ulrike.sonnenberg-schwan@t-online.de
  • Prof. Dr. med. Michael Weigel, Frauenklinik Leopoldina-Krankenhaus, Schweinfurt. Tel.: 09721/720-2130, email: mweigel@leopoldina.de
  • Dr. med. Andreas Tandler-Schneider, Fertility Center Berlin, Spandauer Damm 130, 14050 Berlin. Tel.: 030/30354937, email: info@fertilitycenter-berlin.de

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